Zeuge/Zeugin: Wahrheitspflicht = nur die HEUTIGE Erinnerung

Als Zeuge/Zeugin (oder sind Sie beschuldigt?) haben Sie Wahrheitspflicht.

Das ist nicht so schwierig, wie Sie vielleicht meinen.

Bereiten Sie sich vor, bleiben Sie dann ruhig, es ist eigentlich total einfach:

Was müssen Sie sagen? Nur, woran sie sich HEUTE erinnen – und wie gut

„Wahrheitspflicht“ bedeutet: Sie müssen Ihre Erinnerung heute wahrheitsgemäß schildern. Also: Ihre Erinnerung, so wie sie ist – bei der heutigen Befragung. Dazu müssen Sie auch noch sagen wie gut (oder wie schlecht) Sie sich heute erinnern.

Es gibt also diese Möglichkeiten:

  • wenn Sie sich nicht mehr klar erinnern – das ist völlig normal –  sagen Sie: „Ich glaube – aber ich erinnere mich nicht mehr sicher“.
  • wenn Sie sich überhaupt nicht mehr erinnern – das kann auch sein – sagen Sie: Tut mir leid – ich erinnere mich überhaupt nicht mehr„.
  • wenn Sie meinen, sich noch ganz genau erinnern (als wäre es gestern gewesen) – dann sind Sie der Lieblingszeuge von Gericht und Staatsanwalt (denn man hat Sie als Verantwortliche/n für das Urteil). Sind Sie wirklich so sicher?

Im Gerichtssaal heißt es oft: „Sie müssen die Wahrheit sagen, und zwar so, wie es war!“. So ist das sogar falsch. Denken Sie immer hinzu, bei Belehrung und Frage:

„…soweit Sie sich heute noch erinnern“?

Meistens geschieht das nicht: Ihre Befragung enthält oft direkte Fragen, die Sie direkt so beantworten sollen – quasi mit ja/nein beantworten sollen.

Bleiben Sie gelassen: Egal, wie die Frage formuliert ist, Sie können immer aussagen, dass Sie diese Frage einfach nicht beantworten können, weil Sie es nicht mehr genau wissen – auch wenn nicht ausdrücklich so gefragt wird.

Am Rande: So entstehen Fehlurteile – der Zeuge hat die Frage ja „genau“ beantwortet.

Das Verlangen: „Sie müssen die Wahrheit sagen, wie es damals war“ – das ist ein unmögliches Verlangen, denn Sie sind Mensch und Sie vergessen wie alle anderen auch. Seien Sie standhaft: Wenn Sie sich nicht mehr genau erinnern, doer einfach Zweifel haben, sagen Sie genau das.

Denn es ist und bleibt so: Zeugen müssen und dürfen nur das sagen, woran sie sich heute noch erinnern. Und Zeugen müssen dazu sagen, wie gut oder wie schlecht diese Erinnerung ist.

Das ist alles.

Also:

Haben Sie eine heutige („präsente“) Erinnerung – und an was, und wie sicher?

Das Zauberwort heißt „präsente Erinnerung“.  Sie dürfen (sollen sogar) vorher Ihre damaligen Unterlagen durchsehen, wenn Sie so etwas haben. Sie sollen Bilder anschauen – und überlegen, Sie, ob Sie dadurch eine echte Erinnerung bekommen – oder eben nicht. Mehr können Sie nicht tun. Wenn Sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern – dann ist das heute die rechtliche „Wahrheit“.

Auch alle Nebensachen sagen – auch ungefragt

Wenn Sie sich heute noch erinnern, oder sogar gut erinnen: müssen Sie natürlich alles sagen. Auch zu allen Nebensachen. Diskutieren Sie nicht, warum man Sie fragt – wenn Sie gefragt werden und es noch wissen, sagen Sie auch alles.

Sie müssen auch ohne extra Fragen alles schildern, was wichtig sein könnte. Denn auch eine bewusst unvollständige Aussage kann eine Falschaussage sein.

Und natürlich muss alles, was Sie sagen, wahrheitsgemäß sein

Dazu gehört die Aussage, wie sicher Sie sich heute sind – oder eben wie wenig sicher. Achtung: Wenn Sie in Ihrer Vernehmung nicht ausdrücklich etwas Einschränkendes sagen, werden Sie verstanden als „ich bin ganz sicher, ich weiß alles noch ganz genau“.

„Sagen Sie gefälligst, wie es war!“

Sie wissen es nicht mehr genau? Das wollen Gericht und Staatsanwalt oft nicht hören. Sie „müssen sagen, wie es war“. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft: „Sagen Sie es so, wie wir es angeklagt haben“.

Trotzdem, seien Sie standhaft: Sie sind nur Mensch. Ein Mensch kann sich nicht an alles erinnern, nach Monaten oder Jahren – wenn der Vorgang eventuell nur Sekunden gedauert hat. Die Prozessordnung verlangt das nicht.

Sie dürfen gar nicht fälschlich behaupten, ihre Erinnerung sei sicher, während Sie sich in Wahrheit nicht mehr sicher erinnern – oder sogar gar nicht mehr: Denn dann begehen Sie eine Falschaussage.

Kein Problem für Sie:

Das alles ist kein Problem für Sie. Lassen Sie nur nicht zu, dass es Ihres wird:

  • Sie erinnern sich wirklich noch ganz sicher? Dann sagen Sie das so.
  • Sie erinnern sich nur vielleicht, sind aber nicht (mehr) sicher? Dann ist DAS heute die Wahrheit – und auch dies gehört zur Aussage.
  • Sie erinnern sich nicht mehr oder nicht mehr sicher= Dann müssen und dürfen Sie nur exakt dieses sagen. Sie können nichts dafür, dass man Sie erst so spät fragt.

Die wahrheitsgemäßen Aussagen heißen dann, einzig und allein:

  • „Ich glaube – aber ich erinnere mich nicht mehr sicher“
  • Tut mir leid: Ich erinnere mich gar nicht mehr“.

Justizpsychologischer Hintergrund: Man braucht Sie – als Verantwortliche/n für das Urteil

Die hat jahrhundertealte psychologische Hintergründe. Der Richter/die Richterin war nicht dabei bei der Tat. Aber er/sie stehtnunter dem Druck der Anklage, muss sich mittelbar – eben über Beweismittel – von etwas selbst überzeugen – und muss dem Angeklagten oft gleich anschließend direkt ins Gesicht sagen, weshalb er/sie vom Gericht soeben verurteilt wurde.

Das ist eine schwere Verantwortung. Lösung: Die Verantwortung auf andere zu verlagern – auf Sie! Denn Sie haben es als Zeuge so gesagt. Dazu braucht man Ihre „sichere“ Aussage, das ist der Grund, warum ein Gericht Sie alles sagen hören will und das auch noch nach Jahren mit einer sicheren Erinnerung, „als wäre es gestern gewesen“.

Deshalb eigentlich stehen Sie heute als Zeuge/Zeugin vor Gericht und man verliest man nicht einfach das Protokoll Ihrer früheren Aussage, wo sie sich damals ja noch viel besser erinnert haben. Deshalb fehlt in der Befragung dann meist der Zusatz, dass jede Frage unter dem Vorbehalt steht, dass Sie sich heute noch erinnern – und wie gut. Solche Relativierungen will ein Gericht nicht gerne hören.

Sie sind dann die Begründung für die Verurteilung: „Der Zeuge … hat es uns sicher und wahrhaftig gesagt“. Die weitere Begründung ist dann austauschbar:“Farbige Aussage… widerspruchsfrei… sicher auch in den Details“.

Dies ist leider die Erfahrung der Verteidiger: Solange ein für die Anklage wichtiger Zeuge nicht nachweislich lügt oder zumindest gravierend und am besten mehrfach objektiv falsch liegt, wird die Staatsanwaltschaft und das Gericht die Aussage dem Urteil zugrundelegen.

Für Sie als Zeuge/Zeugin daher zentral:

Lassen Sie nicht diesen „schwarzen Peter“ zuschieben, wenn Sie sich in Wirklichkeit heute nicht mehr richtig erinnern!

Sie können nichts dafür, dass Verfahren in der Justiz oft so lange dauern, bis sich ein normaler Mensch nicht mehr zuverlässig einnern kann.

„Der ideale Zeuge“: Ist sich „immer“ ganz sicher

Präsentieren Sie also nicht aus falschem Stolz eine „Supererinnerung“.

Überlegen Sie möglichst selbstkritisch: Könnten Sie sich täuschen; jetzt ein Fehlurteil verursachen?

Die meisten Menschen sind nicht gewöhnt, sich selbst so zu hinterfragen. Es ist auch wirklich schwierig, zu unterscheiden: Habe ich noch eine richtige Erinnerung oder glaube ich das nur?

Das Zauberwort heißt „präsente Erinnerung“

Nochmals: Das Zauberwort heißt „präsente Erinnerung“.

Schieben Sie den schwarzen Peter zurück. Sagen Sie nur als „sicher“, woran Sie sich wirklich ganz sicher erinnern. Je längere Zeit vergangen ist, um so selbstverständlicher sagt der Profi:

  • Ich habe nochmals meine Unterlagen von damals durchgesehen – leider habe ich trotzdem heute keine/kaum präsente Erinnerungen mehr.
  • Ich weiß nur noch, dass ich (den Angeklagten mal gesehen habe) … tut mir leid, weiter reicht meine Erinnerung nicht.
  • Ich habe damals alles ausgesagt / in meinen Bericht geschrieben. Darauf muss ich Bezug nehmen…
  • nein: Ich habe leider auch nach Vorlesen meines damaligen Protokolls keine präsente Erinnerung mehr.

Und wenn das stimmt, bleiben Sie dabei, was immer auch passiert. Denn man fragt nach:

Früher haben sich noch besser erinnert…

Man versucht, und das ist korrekt, Ihre Erinnerung doch noch wachzurufen. Man greift zum „Vorhalt aus dem Vernehmungsprotokoll“: Früher hatten Sie ja eine bessere Erinnerung und das steht dann in der Akte in einem Vernehmungsprotokoll (wenn es damals richtig geschrieben wurde!). 

Richter und Staatsanwalt haben dieses damalige Vernehmungsprotokoll heute vorliegen.

Diese beiden lesen Wort für Wort, was Sie damals laut Protokoll gesagt haben. 

Man fragt Sie nun, ob Sie sich heute nicht doch so erinnern wie damals laut Vernehmungsprotokoll? Denn damals hätten Sie das ja offenbar gewusst? Man liest Ihnen dann Teile daraus vor – ob Sie sich sich jetzt erinnern können? Das ist eine korrekte und richtige Technik – gut vorbereitete und geführte Verhandlungen sollten so ablaufen.

Checken Sie dann ehrlich Ihre Erinnerung, ob Sie sich heute doch noch erinnern – ob Sie also eine „präsente Erinnerung“ bekommen. Denn nur um diese geht es heute.

Erinnern Sie sich trotzdem an nichts? Dann ist „ich erinnere mich nicht mehr“ die einzig richtige und rechtmäßige Antwort. Aber:

Widersprüche? Das ist ganz natürlich

Das gilt genauso bei Widersprüchen zwischen damals und heute: Kein Problem. Wenn Sie die nicht mehr klären können – das ist normal, so ist das bei der menschlichen Erinnerung.

Ich sehe den Widerspruch, aber ich erinnere mich einfach heute nicht mehr“ ist die einzig richtige und rechtmäßige Antwort. Und lassen Sie sich keinen Strick draus drehen:

Keinen Ärger machen: Das wird IHR Ärger

Eventuell sind Richter und Staatsanwalt nun ärgerlich. Es gibt typische Fragen, auf die schnell „falsche“ Antworten gegeben werden – und alle Fragen müssen Sie wahrheitsgemäß beantworten.

Man fragt Sie, ob Sie sich wenigstens an die Vernehmung selbst erinnern können? Da werden Sie wohl kaum „nein“ sagen, oder sind Sie so häufig bei Vernehmungen?

Vorsicht Falle: „Das habe ich damals nie gesagt!“

Man fragt Sie, ob Sie das, was im Vernehmungsprotokoll steht, damals so gesagt haben? Die Antwort lautet meist: Kann sein / wahrscheinlich habe ich das so gesagt – denn präzise kann sich ja heute wohl niemand mehr erinnern an das, was er/sie damals konkret gesagt hat.

Ihre Aussage sollte nun nicht sein: „Das da im Protokoll? Das habe ich nie gesagt!“ 

Verrennen Sie sich nicht: Zwar ist eventuell damals bei der Polizei das, was Sie sagten, nicht genau so niedergeschrieben worden. Aber irgend etwas in diese Richtung haben Sie sicherlich gesagt. Ansonsten wäre der Text ja glatt von der Polizei erfunden worden. (Wenn das so ist, dann brauchen Sie als Zeuge einen Anwalt!).

Richter und Staatsanwalt haben das damalige Vernehmungsprotokoll schwarz auf weiß vor sich. Der Richter fragt Sie dann: „Aber das steht doch so im Protokoll als Ihre Aussage (kommen Sie vor, lesen Sie selbst !). Der Polizeibeamte wird sich das doch nicht ausgedacht haben?“.  

Sagen Sie nun nicht:

„Doch! Das hat sich der Polizeibeamte ausgedacht…“

Dann können Sie den Strafbefehl oder die Anklage gegen sich warten.

Denn es geht folgendermaßen weiter:

Sie werden entlassen. Zwei Wochen später wird vor dieses Gericht der Polizeibeamte von damals geladen und ebenfalls als Zeuge vernommen. Und natürlich sagt der, dass Sie das damals so gesagt haben.

Ihre Aussage “das hat sich der Polizeibeamte ausgedacht…“ wäre dann eine bewiesene Falschaussage, § 153 StGB, 3 Monate bis 5 Jahre Freiheitsstrafe.

Also: Legen Sie sich nicht mit dem Gericht an, bleiben Sie höflich. Selbst wenn der Staatsanwalt droht, er leite gleich ein Verfahren wegen Falschaussage ein, weil Sie fälschlich behaupten würden, sich nicht mehr zu erinnern: Das ist nicht möglich – denn wenn Sie sich nun einmal heute nicht mehr erinnern, dürfen Sie gar nichts anderes sagen.

Das Gegenteil müsste man Ihnen erst einmal nachweisen: Dass Sie sich heute sehr wohl erinnert haben. Vorsicht: Dieser Nachweis (Sie wussten es besser als Sie es aussagten) kann möglich sein. Denn manchmal ist eine „Nichterinnerung“ nicht vorstellbar (einzigartiges Geschehen, schwere Folgen, detaillierte Vernehmung erst kurz vorher) oder es gibt sonst Beweismöglichkeiten (Sie haben vor dem Saal noch gesagt, was Sie alles wissen, dass Sie aber natürlich nicht aussagen – und neben Ihnen sitzt der Zeuge nach Ihnen – der Polizeibeamte in Zivil).

Aussage nur unterbrochen, Korrektur möglich? Zum Anwalt!

Wenn in einer solchen Lage Ihre Vernehmung nur unterbrochen ist und Sie noch weiter aussagen müssen, ist es nicht zu spät. Fragen Sie die Anwältin / den Anwalt!